Nur kleine VERLEGENHEIT in München

Unter dem Titel „Ab nach München!“ wurde eine historische Schau mit Arbeiten von Künstlerinnen zusammengestellt, die um 1900 an der Damen Akademie und anderen Orten in München studiert haben, um so einen Blick auf die Anfänge weiblicher Professionalität im Kunstbereich zu dokumentieren. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Ausstellung sicher interessant, weil sie deutlich macht, wie viele Hindernisse Frauen überwinden mussten, um überhaupt ernst genommen zu werden. Gabriele Münter und Käthe Kollwitz gehören zu den ganz wenigen, deren Name auch heute noch ein Begriff ist.  Dagegen kennen  Marianne von Werefkin und ihre wichtige Rolle im Blauen Reiter wohl die wenigsten. Andere Namen sind völlig untergegangen. Wie ich höre, sind leider nur wenige Arbeiten dabei, die auch heute noch Bestand haben können. Also auch ein wenig Verlegenheit im Spiel.

Der Wind der den Frauen entgegenblies war eisigkalt. Und auch heute weht gelegentlich noch ein kühles Lüftchen, wenn ein alter Mann behauptet, Frauen könnten von Natur aus keine Künstlerinnen sein. Na, so deutlich hätte er seine eigene Beschränktheit auch wieder nicht zeigen müssen.

VERLEGENHEIT in Frankfurt, München, Sindelfingen 2

Im Schauwerk Sindelfingen heißt die Ausstellung „Ladies first!“ und will demonstrieren, dass „in der Sammlung von Peter und Christiane Schaufler Werke von Künstlerinnen seit jeher einen hohen Stellenwert haben. Erstmals stellt das SCHAUWERK Sindelfingen nun ausgewählte Arbeiten von Künstlerinnen vor. Die gezeigten Werke umspannen einen Zeitraum von den 1970er-Jahren bis zu jüngsten Postionen…… Gattungsübergreifend zeigt die Ausstellung Malerei, Skulptur, Videoarbeiten, Fotografie und Installationen. Die Vielfalt der Arbeiten macht deutlich, wie rigoros die Grenzen einer „femininen“, feministischen oder dekorativen Kunst in den vergangenen Jahrzehnten gesprengt wurden.“

Wie bitte? Ich weiß wirklich nicht, was mit dem letzten Satz gemeint ist. Feminine, feministische und dekorative Kunst in einem Atemzug? Was soll das bitte sein – oder aber gewesen sein? Da hängt doch noch eine Menge Staub in den Gehirnen. Wehren sich die Künstlerinnen denn nicht – oder können sie sich nicht wehren, weil ja – genau wie in Frankfurt (Post von gestern) – im Fundus gekramt wurde. Besonders blamabel finde ich für die Veranstalter, dass „ein Großteil der Werke in der Ausstellung LADIES FIRST! erstmals präsentiert wird, so auch die meterhohen Raketen von Sylvie Fleury mit dem Titel „First Spaceship On Venus“ (1996). … Zusammen mit Arbeiten von Rosemarie Trockel und Isa Genzken bilden Fleurys Werke einen Schwerpunkt der Ausstellung.“

Also bitte, wenn die Werke von Künstlerinnen seit jeher so einen hohen Stellenwert hatten – wieso werden sie dann jetzt (nach fast 20 Jahren) zum ersten Mal gezeigt?

VERLEGENHEIT in Frankfurt, München, Sindelfingen 1

Man errät nicht gleich, was diese drei Städte zur Zeit gemeinsam haben. Schon gar nicht, dass alle drei im Moment wegen ihrer Kunstausstellungen genannt werden. Und noch weniger, dass auch diese Ausstellungen etwas verbindet: Sie zeigen in großen Schauen ausschließlich Kunst von Frauen. Frankfurt kommt international daher und nennt die Ausstellung des Museums für Moderne Kunst (MMK) im Taunusturm „Boom she Boom“. Das weist nun nicht gerade auf ein Thema hin, sondern hört sich eher nach Verlegenheit an. Denn „in Skulpturen und Installationen, Gemälden und Zeichnungen, Filmen und Performances hinterfragen die Künstlerinnen die Repräsentation und gesellschaftliche Konnotation des weiblichen Körpers. Sie beschäftigen sich mit sozialen und globalen Zusammenhängen, untersuchen Formen von Narration und Abstraktion und analysieren Strategien der Raumaneignung. Ihre Werke sind geprägt von individuellen Wahrnehmungen und persönlichen Erfahrungen, sie demonstrieren Subversivität und Mut zur Offenheit.“ So der Werbetext. Aha und weiter? Nix weiter. Das war´s auch schon. Ich wage zu bezweifeln, dass man den Frauen einen Gefallen tut, wenn man ihre Arbeiten allein wegen des Geschlechts ausstellt.

Natürlich werde ich mir dennoch die Arbeiten anschauen, denn es sind die derzeit bekanntesten und gefragtesten Künstlerinnen vertreten: Vanessa Beecroft, Andrea Büttner, Rineke Dijkstra, Marlene Dumas, Katharina Fritsch, Isa Gensken und und und… (Morgen ein Kommentar zu München.)

Welche Aufgabe hat die Kunst?

Auch dazu hat die gebildete Concierge, Heldin des Romans „Die Eleganz des Igels“ von Muriel Barbery eine dezidierte Meinung: „Die Literatur zum Beispiel hat eine pragmatische Funktion. Wie jede Form der Kunst hat sie die Aufgabe, die Erfüllung unserer lebenswichtigen Pflichten erträglich zu machen.“ Denn, so meint sie, da wir Menschen denken und reflektieren können, erkennen wir irgendwann in nackter Hellsicht, die fragile Realität unserer Existenz. „…etwas muss uns diese Scharfsichtigkeit schließlich erträglich machen, etwas, was uns vom traurigen, ewigen Fieber des biologischen Schicksals errettet.

Und so erfinden wir die Kunst.“ (Muriel Barbery, Die Eleganz des Igels, München, 2010)

Wozu dient die Kunst?

„Wozu dient die Kunst? Dazu, uns die kurze aber überwältigende Illusion der Kamelie zu bescheren (Muriel Barbery bezieht sich hier auf die Liebe zu Stillleben ihrer Heldin d.V.). Wie entsteht die Kunst? Sie erwächst aus der Fähigkeit des Geistes, den sensorischen Bereich zu gestalten. Was macht die Kunst für uns? Sie verleiht unseren Emotionen Gestalt und macht sie sichtbar… “ Und im weiteren Text meint sie: „Doch wenn wir ein Stillleben ansehen, wenn wir uns, ohne sie angestrebt zu haben, an dieser Schönheit ergötzen,…genießen wir, was wir nicht zu begehren brauchten, betrachten wir, was wir nicht zu wollen brauchten, lieben wir, was wir nicht ersehnen mussten.“ Auch das Zitate aus Muriel Barbery, Die Eleganz des Igels, München, 2010. Mir gefällt einfach die elegante Sprache dieser Autorin.

Schmerzlose Geburt

„…wenn ich wie durch wunderbaren Zufall miterlebe, wie auf dem Papier Sätze (oder auf der Leinwand Bilder d.V.) entstehen, die sich meinem Willen entziehen und, indem sie ohne mein Zutun auf dem Blatt Niederschlag finden, mich lehren, was ich will, ohne daß ich wusste oder glaubte, es zu wollen, genieße ich diese schmerzlose Geburt, diese nicht bewusst herbeigeführte Selbstverständlichkeit, genieße ich es mit dem Glück aufrichtigen Staunens, ohne Anstrengung und ohne Gewißheit einer Feder zu folgen, die mich führt und mich trägt.“ Muriel Barbery, Die Eleganz des Igels, München 2010

Dem habe ich nichts hinzuzufügen (außer dem Nebensatz in der Klammer oben).

Jedes Ende ist schwer

Eigentlich geht der Satz so: Aller Anfang ist schwer. Aber die Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach hat die Erfahrung, die alle Kunstschaffenden machen, bereits im 19. Jahrhundert in Worte gefasst. „Der alte Satz: `Aller Anfang ist schwer´, gilt nur für Fertigkeiten. In der Kunst ist nichts schwerer als beenden.“

Wie wahr. Traurige Beispiele dafür sind das zu Tode gemalte Bild in der Ecke, der zur Nutzlosigkeit behauene Stein,  die zu häufig radierte Zeichnung, sodass ein unübersehbarer Grauschimmer das Blatt bedeckt. Aber auch diese Erfahrung muss man manchmal machen, damit man so allmählich ein Gespür dafür bekommt, wann eine Arbeit fertig ist und man sinnvollerweise einfach aufhört.

Ein malendes Pferd?

Hatten wir nicht schon genug von malenden Affen, Elefanten, Computern? Jetzt ist auch noch ein malendes Pferd aufgetaucht, dessen Produkte als wunderbar dekorativ für die Wohnzimmerwand angepriesen werden. Ich kann nur sagen: Das arme Tier. Das kann nur heißen, dass ihm ein Pinsel irgendwo am Kopf festgeklemmt oder ins Maul gesteckt wird.  In seinem Bemühen den lästigen Gegenstand wieder loszuwerden und Land zu gewinnen, wirft es den Kopf hin und her und das Ergebnis soll dann über der Couch hängen. Man könnte das auch als Tierquälerei ansehen.

Statt Künstlerin eben Finanzexpertin – ein Nachtrag

Natürlich ist es schön, wenn Menschen kreativ werden und mit ihren Ergebnissen zufrieden sind. Nur warum das Umfeld jedes Produkt mit „Toll, du bist ja ein Künstler“. (Wahlweise und wahrscheinlich häufiger Künstlerin) kommentieren muss, entzieht sich mir nach wie vor. Die Absurdität dieser Aussagen wird deutlich wenn wir das mal umdrehen.  Stellen Sie sich vor, dass ich z.B. ein, zwei einigermaßen sinnvolle Sätze zu Finanzfragen äußere und alles schreit: „Hurra, tolle Finanzexpertin!“ Oder aber ich finde zufällig ein paar passende Worte zur Psychoanalyse und schon bin ich von Beifall umgeben: „Die geborene Analytikerin!“. Diese Reihe ließe sich fortsetzen. Setzen Sie nur Ihren eigenen Beruf ein. Zu fast jedem könnte ich vermutlich ein, zwei Sätze zu sagen, die sich für Laien sinnvoll anhören. Macht mich das zu einer Fachfrau? Na? Eben nicht. Da sind wir wirklich einer Meinung.

Die Frage, die für mich bleibt: Warum können wir die Dinge nicht so benennen wie sie sind? Ein Bild, das jemand malt und das ihm oder ihr Freude macht, ist genau das, nicht mehr und nicht weniger. Ein gut gemachter Stuhl ist ein gut gemachter Stuhl, ein leckeres Essen eben das. Ob das der letzte Post zu diesem Thema war? Ich bezweifle es.

Erkenntnisse aus der Kragen-platz-Aktion

So ist das Leben. Da ärgert man sich so richtig über einen tatsächlichen oder eingebildeten Missstand und dann folgt eine Erkenntnis, mit der man (in diesem Falle ich) nicht gerechnet hat. Affen, Elefanten und Computerprogramme machen jede/n zum Künstler – das hat mich so richtig aufgebracht, weil es Kunst so beliebig macht. Bei näherem Nachdenken finde ich das andererseits auch wieder logisch. In einer Welt in der gerade bei der Arbeit so viel fremdbestimmt ist, so viel von vermeintlichen Sachzwängen vorgegeben wird – wo sollen die Menschen denn mit ihrem Bedürfnis nach Ausdruck und Gestaltung hin? Was liegt näher, als den Satz von Joseph Beuys (Jeder Mensch ist ein Künstler – Sie erinnern sich?) sehr wörtlich zu nehmen und sich auf den Weg zu machen.

Nur, welche Konsequenz hat das für Künstler? Dass es immer schwieriger wird, sich zu positionieren. Damit steigt auch der Druck auf jeden Fall etwas Auffallendes, Aufsehen erregendes zu zeigen. (Siehe auch Post vom 26. 9. 14) Ob sich dieser Prozess noch einmal aufhalten lässt?

Warum mir seit letzter Woche der Kragen platzt

Um meine Polemik von letzter Woche zu ergänzen: Die jungen Leute, mit denen ich zu tun habe, lieben Sprüche wie „Schief ist kreativ“ oder beim Anblick von deutlich missglückten Arbeiten den Satz „Aber jeder Mensch ist doch ein Künstler“. Das fängt leider schon im Kindergarten an. Mein sechsjähriger Freund ist mit seinem Bild nicht zufrieden und hört von der Erzieherin: „Aber das macht doch nichts, das ist doch Kunst.“ Er weiß es natürlich besser, schließlich weiß er, was er kann.

Keine Frage. Im Vorschulalter malen Kinder kreativ und unbelastet von vorgefertigten Klischees aus ihrem Inneren heraus. Das hat aber mit Kunst Null Komma Null zu tun, sondern ist ihre Art, sich die Welt anzueignen. Leider gibt es eine ganze Bewegung, die Ausstellungen mit Kinderbildern „Kinderkunst“ überschreibt. Besonders tragisch, dass dieselben „Kinderkünstler“ im Schulalter keine Anerkennung mehr bekommen. Warum? Weil sie sich abmühen, ihre Wahrnehmung so realistisch wie möglich zu Papier zu bringen. Da geht es altersentsprechend nicht mehr um Spontaneität sondern um Realität. Das dümmliche Lob für Vorschulkinder führt dazu, dass Schulkinder dann ehemalige „Künstler“ sind. Na, tolle Karriere, und sehr aufbauend für das Selbstbewusstsein der Kinder. Da kann ich wirklich nur sarkastisch werden.