Sich sichtbar machen

Um gesehen zu werden, muss man sich sichtbar machen. Zu diesem Satz gibt es eine Reihe von Buchveröffentlichungen „Kunstmarketing“ oder etwas blumiger „Vom Tellerwäscher zum Malerfürsten“. Bisher konnte ich nur feststellen, dass diese Bücher sich ganz gut verkaufen, also die Autoren mit einem gewissen finanziellen Gewinn versorgen. Von Künstlern, die davon wirklich profitiert hätten, habe ich bisher noch nix gehört. Aber vielleicht kann mich ja jemand von Gegenteil überzeugen.

Ein Hund mit Weihnachtskugeln

Das arme Tier denke ich sofort beim Anblick eines Hundes, der mit einer Art Haube aus Weihnachtskugeln „geschmückt“ ist. Einladend finde ich das nicht und doch soll mit diesem Bild für die Ausstellung von Kristof Kintera im Museum Tinguely, Basel, geworben werden. Ist das Kunst? Die Kuratoren und Kunsthistoriker, die die Schau begleiten meinen wohl ja, sonst hätten sie den Künstler nicht eingeladen. Mir kommt es eher so vor, wie ein verzweifeltes Ringen darum, in dem unübersichtlichen Kunstmarkt auf jeden Fall wahr genommen zu werden. Ein Hund mit Weihnachtskugeln ist ein Hingucker – nur was will der Künstler mir damit sagen? Eine Kritik am sinnlosen Konsum wäre denkbar. Aber brauche ich die? Sagt mir das was Neues? Ändert das was? Auf alle drei Fragen eine Antwort: Nein.

Das Spirituelle in der Kunst

„Etliche Künstler sind mir heutzutage zu clever… Zu vieles, was sie machen, scheint mir mit dem Blick auf den Kunstmarkt konzipiert und kurzfristig angelegt.“ Diesen Satz von Wieland Schmidt (Kunstzeitung 180) habe ich schon mal zitiert. Deshalb ist er nicht weniger wahr. In seinem Artikel vermisst er außerdem das Spirituelle in der Kunst, seit dem Joseph Beuys gestorben ist. Ich könnte ihn da zum Beispiel auf Anselm Kiefer verweisen, aber das wäre kein ausreichender Beweis für das Gegenteil.

Wie recht er hat zeigt sich schon daran, dass in einem Leitfaden zur Bewerbung bei Kunstpreisen ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass man auf keinen Fall irgend etwas zu Spiritualität, Transzendenz und ähnlichen Themen schreiben soll. Das würde die Jury nur abschrecken. Insofern ist es kein Wunder, das Arbeiten wie „Hund mit Weihnachtskugeln“ (siehe nächster Post) heute Furore machen.

Ergreifen und berühren

„Große Kunst, so dachte sie, hat einen beruhigenden Effekt auf den Betrachter; sie ergreift einen mit einer gewissen Ehrfurcht. Und genau das passiert weder bei den Arbeiten von Damien Hirst noch bei Andy Warhol. Man wird nicht von Ehrfurcht ergriffen, nicht berührt. Sie irritieren, verhindern vielleicht kurz, dass man in den eingefahrenen Gleisen weitergeht. Aber das ist ganz und gar nicht dasselbe. Ergriffen und berührt zu werden, ist etwas ganz anderes.“ (Frei übersetzt nach A. McCall Smith, The Sunday Philosophy Club, London, 2004)

Auch wenn ich die Einschätzung von Alexander McCall Smith nicht hundertprozentig teile, so finde ich doch, dass er im Prinzip recht hat. Was kann uns denn heute noch ergreifen – außer Kunst? Musik, Literatur, Bildende Kunst, Tanz… können uns Erfahrungen vermitteln, die wir im Alltag vermissen.

 

Noch mal alles mit Zucker

Zucker als Material in der Kunst – nach meiner Wahrnehmung etwas Neues. In mehreren Performances widmet sich die Schweizer Künstlerin Claudia Bucher der süßen Last. Sie lässt Zucker aus Gazetüchern oder aus Säcken rieseln, rinnen, fließen, quillen. „Hier offenbart sich bereits in der Wahl der Begriffe zur Beschreibung der simplen Abläufe …eine poetische Kraft von satter Lebendigkeit.“ (Helge Meyer in: Claudia Bucher, Vom Rieseln und Rinnen, Luzern, 2007) Ihre Performances heißen „Ladung“, „Süßer Regen“, „Zuckertaschen“.

Claudia Bucher setzt sich dem süßen Regen aus, spielt damit, lässt sich von Zucker bedecken, scheint es zu genießen, um sich dann im Überdruss dagegen aufzulehnen. Sie demonstriert „Brüche und Kippmomente, in denen sich Schönheit zum Ekel neigt“ (s.o.). In meinen Augen eine hochinteressante Künstlerin.

Alles Zucker, aber überhaupt nicht süß

Kara Walker ist nicht gerade für ihre Zuckersüße bekannt. Bisher hat sie überwiegend mit Scherenschnitten gearbeitet – auf den ersten Blick berühren diese zutiefst nostalgisch, um dann zuzuschlagen, sobald man die Themen genauer erkennt: Ausbeutung, Unterdrückung, Versklavung der Schwarzen durch die Weißen in den USA, messerscharf auf den Punkt gebracht.

Wenn man darüber nachdenkt, ist die gigantische Zuckerskulptur „Marvellous Sugarbaby“, die sie in diesem Sommer in einer stillgelegten Zuckerfabrik in New York zeigte, nur konsequent, denn auch bei der Gewinnung von Zucker waren vor allem Sklaven beteiligt. Heute kommen Themen wie Unterdrückung, Diabetes, Industrialisierung, Abhängigkeit dazu.

Ein Kornfeld aus Metall

„In der Ausstellung für moderne Kunst waren sie durch ein zwölf Fuß hohes Kornfeld aus brüniertem Metall gewandert, das mit riesigen Schmetterlingen und Blumen aus Buntglas bestückt war. Bluey hatte es phantastisch gefunden, James war der Meinung, es sei dumm.

`Dummheit kann manchmal einfach hinreißend sein.´  `Nicht, wenn sie sich als ernsthafte Kunst tarnt.´  `Aber das tut dies nicht! Dies ist ein Spaß!´  `Dann ist es ein höchst prätentiöser Spaß.´ “ (Er und Sie im Gespräch aus: J.Trollope, Zwei Paare, Hamburg, 1994)

 

Noch eine Ausnahme

Auch Gabriele Münter hat ihren nachhaltigen Erfolg unter anderen ihrem Mann zu verdanken. Der war als Kunsthistoriker tätig und hat sie Zeit ihres gemeinsamen Lebens unterstützt. Ein zeitgenössisches Beispiel fällt mir auch noch ein. Neo Rauch stellt seit Neuestem gerne mit seiner Frau Rosa Loy gemeinsam aus. Noch ist sie wenig bekannt, aber die Qualität ihrer Bilder steht kein Deut hinter seinen Arbeiten zurück. Es ist zu hoffen, dass seine Unterstützung auch ihr zu der verdienten Anerkennung verhilft. Denn ohne geht im Kunstbetrieb gar nix. Vitamin B wird gerade da in kapitalen Lettern geschrieben.

Die Ausnahme, die die Regel bestätigt

Ganz so, wie im letzten Post dargestellt ist es nun doch nicht: Ich weiß immerhin von einem Künstlerinnenwitwer, der das Werk seiner Frau tatkräftig unterstützt hat. Das ist besonders bemerkenswert, weil Otto Modersohn selbst als Künstler arbeitete. Aber er hat früh erkannt, dass Paula Modersohn-Becker das größere Talent war. Während ihres Lebens hat er zwar (im Einklang mit den Normen seiner Zeit), wenig Verständnis gezeigt und sie u.a. gezwungen, Paris zu verlassen. Aber da will ich mal nicht so pingelig sein, auch wir können nicht wirklich aus unserer Zeit aussteigen. Aber nach ihrem Tod hat er sich wirklich eingesetzt, damit ihr Werk nicht in Vergessenheit gerät. Mit Erfolg, wie man weiß.

 

„Ich wär´ so gerne Millionär….“

Kaum komme ich aus dem Urlaub zurück, begegnet mir in meinem Netzwerk die Frage, was ich mit einer Million machen würde. Andere haben schon geantwortet und wollen sich vor allem aus dem Beruf zurück ziehen.

Das wäre nun gar nichts für mich. Mein Traum wäre (falls ich auf welchem Weg auch immer doch noch Millionärin würde), eine Stiftung zu gründen mit dem Ziel, den Nachlass von Künstlerinnen zu pflegen. Diese haben nämlich in der Regel keine engagierte Witwe, die sich um das Werk kümmert. Natürlich würde ich mich dann zur ersten Vorsitzenden machen und (gegen Bezahlung) an Auswahl und Pflege der Nachlässe mitarbeiten. Als erstes kämen natürlich meine eigenen Arbeiten auf die Agenda….. Tja, man wird ja wohl noch träumen dürfen.