Bilder im Traum schöpfen

Ach, wer das könnte. Die Ideen für ein Bild im Traum schöpfen, sodass ich sie nur noch auf die Leinwand bringen müsste. Manchmal geht das, „ich mache mir dann schnell eine Skizze, um mich im Atelier wieder daran zu erinnern… manchmal klappt es, manchmal nicht; die Dinge, die man sich vorstellt, lassen sich nicht immer realisieren. Man muß erst in einen Dialog mit den Materialien treten, denn die Materialien sprechen.“ Die Pünktchen im Text weisen darauf hin: ich zitiere, denn besser könnte ich es auch nicht formulieren als Antoni Tàpies, der katalanische Meister. Solche Herbsttage sind besonders gut geeignet, um in Bildbänden und Büchern zu stöbern. Und das eine oder andere (wieder) zu entdecken. (Emprentes – Spuren: Antoni Tàpies. Das Werk. Von Barbara Catoir, 2003)

 

 

Kunst mit Teppichklopfer

Das ist doch mal eine interessante Nachricht. Nach einer langen Riege international anerkannter Künstler erhält in diesem Jahr die eigentlich nur wenigen bekannte Wiebke Siem den Goslaer Kaiserring. Siem war selbst mehr als überrascht und bekannte in der Sendung „Metropolis“ auf Arte, dass sie sich lange nicht anerkannt gefühlt hätte. Diese Erfahrung teile sie aber mit vielen Künstlern. In Goslar werden ihre teils bedrohlichen, teils komischen Skulpturen noch bis Januar 2015 gezeigt. Empfangen werden die Besucher mit einem 420 hohen Teppichklopfer, früher ein häufiges Strafinstrument in der Erziehung von Kindern. Auch sonst verwendet Siem in ihren Arbeiten viele speziell weiblich konnotierte Materialien.

Ich glaube ja nach wie vor, dass Künstlerinnen, die eine spezifisch weibliche Sicht auf die Welt zeigen, es eher schwer haben, im Kunstbetrieb anerkannt zu werden. Das ändert sich erst allmählich. Deshalb bin ich auch so gespannt auf die neue Ausstellung des Museum für Moderne Kunst im Taunustor in Frankfurt.

Urformen der Schönheit 4

Zum Abschluss dieser kleinen Serie noch ein Zitat von dem Kurator der Ausstellung „Simples Formes“ Jean de Loisy im Centre Pompidou in Metz: „Urformen stehen für die Kräfte, die sie prägen. Sie entstehen durch Reibung mit den physikalischen Mächten eines natürlichen oder geistigen Umfelds, treten einzeln auf und erwecken immer den Eindruck, sie seien noch im Werden und spiegelten nur einen bestimmten Punkt ihrer Entwicklung wieder. …Beispiele dafür sind etwa die perfekten Maße des Keros-Kopfes, ein Umriss von Henri Matisse, eine von Elsworth Kelly gezeichnete Blume, aber auch eine vom Gebrauch abgenutzte Klinge oder ein von der Strömung geformter Kieselstein…Immer sind Urformen auf ihr Wesentliches reduziert.“ (Zitiert aus dem Interview, das im Juni 2014 in Art erschienen ist.) Diese Reduktion auf das Wesentliche ist das, was mich an der Ausstellung so begeistert und inspiriert hat.

Urformen der Schönheit 3

Der Atem als Ausdruck des Lebens gibt Glas eine Form. (Ich beziehe mich immer noch auf die Ausstellung „Simples Formes“ im Centre Pompidou in Metz.) Glasblasen war durch die Jahrhunderte eine formende Kunst, die nicht nur einen langen Atem, sondern auch große Fertigkeit erforderte. Folgerichtig werden in dem Bereich, der mit „Atem“ überschrieben ist, alte Glasbehälter, Fiolen, Flaschen und modernes Retortenglas einer großen, fast unsichtbaren Glasblase von Susanna Fritscher gegenübergestellt. Übrigens das einzige moderne Kunstwerk in dieser Abteilung. Und das ist so zart, so fragil, dass ich bei seinem Anblick unwillkürlich den Atem angehalten habe.

Ich schreibe hier immer von Bereichen und Abteilungen: die Ausstellung ist in ca. zwölf kreisrunde Räume gegliedert. Jeder ist einer der Kräfte gewidmet, die formend auf Material einwirken.

Urformen der Schönheit 2

„Was gibt es Besseres als einen Propeller?“ lautet die Überschrift zu einer Abteilung in der Ausstellung „Simples Formes“ in Metz (siehe Post vom 20.10.) Dort werden ein Bumerang, ein Propeller und schlanke Skulpturen von Brancusi, Barbara Hepworth und anderen gegenübergestellt. Weder der Propeller noch die Kunstwerke verlieren dabei. Im Gegenteil.

Diese zunächst ungewöhnlich erscheinende Zusammenstellung beruft sich auf folgende Anekdote: Brancusi, Duchamp und Léger besuchten 1912 die Luftfahrtschau im Grand Palais in Paris. Angesichts der Perfektion eines Propellers soll Brancusi ausgerufen haben: „Hier, das ist eine wirkliche Skulptur! Von jetzt an sollte eine Skulptur nicht weniger sein als dieser Propeller.“ (Quelle: Katalog) Ihm ist das auf jeden Fall gelungen.

Urformen der Schönheit

Eigentlich heißt die Ausstellung „Simples Formes“, die gerade im Centre Pompidou in Metz zu sehen ist. Einfache Formen. Die Zeitschrift Art hat in ihrer Juni-Ausgabe „Urformen der Schönheit“ daraus gemacht. Neugierig geworden, wollte ich mir das unbedingt genauer anschauen. Im Eingangsbereich der Galerie 2 mit dem Thema „Vor der Form“ wird man von gigantischen Tonklumpen begrüßt, die ich fälschlicherweise für eben solche gehalten habe. Aber nein, das waren bereits die ersten Werke. Vor diesem kruden Einstieg erscheinen die ersten Urformen besonders schön. Der Kreis, repräsentiert vom Mond, ein kreisrunder Regenbogen von Olafur Eliasson, Steinkugeln. Diese Arbeiten strahlen Ruhe aus und stimmen auf den weiteren Parcours ein: archaische künstlerische Arbeiten wurden neben ganz moderne Arbeiten gestellt. Ein sehr stimmiges und anregendes Konzept. Dazu morgen noch etwas mehr.

Ursprünglich sollte die Ausstellung am 6. November beendet sein. Wegen des großen Interesses wurde sie bis zum 5. Januar 2015 verlängert.

Ein sichtbares Versprechen

Jetzt habe ich schon öfter über „sich sichtbar machen, um gesehen zu werden“ geschrieben. Gestern erhielt ich folgende Mail: „wollte Ihnen nun doch mal mitteilen, dass ich, seit wir uns im XING-Netzwerk begegnet sind, immer mal in Ihren Blog reinschaue, – mit großem Gewinn, meistens mit einem Schmunzeln und Kopfnicken. Dafür einmal ganz herzlichen Dank!“ Meinerseits Danke an Ursula Sost, die im weiteren darauf hinwies, dass ich den Blog auch in den Kunstgruppen bekannt machen sollte. Das werde ich ab heute tun – versprochen!

Ist wirklich jeder Mensch ein Künstler?

Anscheinend haben viele Künstler noch nicht gemerkt, dass sich der Kunstbetrieb erheblich verändert hat. Galerien sterben, Aussteller fordern Geld von den Künstlern, damit sie ihre Bilder überhaupt zeigen können. Der klassische Galerist, der  Künstler aufbaut und bekannt macht – Fehlanzeige. Nicht umsonst gehört Selbstvermarktung in einigen Hochschulen zum Lehrprogramm.

Dazu kommt, dass der Kunstbegriff inflationär auf alles und jeden angewendet wird. Meiner Meinung nach ein großes Missverständnis, das vielleicht auf Joseph Beuys und seinen berühmt gewordenen Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“ zurückgeht. Beuys bezog sich dabei eher auf Lebenskunst im umfassenden Sinn und weniger darauf, dass alle gestalterischen Produkte eines Menschen etwas mit Kunst zu tun haben.

Künstler in zwei Tagen

„In 30 Stunden ein Buch schreiben!“ oder „An fünf Wochenenden Künstler werden!“ oder „Im Schnellverfahren ein Instrument spielen können!“ Können????

Solche vollmundigen Versprechen nehmen zu. Aber mehr als die aller einfachsten Anfangsgründe kann man auch mit dem tollsten System nicht in kurzer Zeit lernen.  Doch das Publikum glaubts und ist nach dem ersten Malkurs der Meinung „Ich bin ein Künstler (wahlweise eine Künstlerin)“. Die Kursleiter unterstützen diesen Selbstüberschätzung noch indem sie gleich Ausstellungen mit Vernissage anbieten, Konzertabende und/oder Buchveröffentlichungen.

Doch die alte Wahrheit bleibt gültig: Kunst kommt (auch) von Können. Und Können erwirbt man durch stete Übung. (Siehe auch Post vom 27.3. dieses Jahres)

Jeden Tag ein Bild malen!?

Jeden Tag ein Bild malen und ins Netz stellen. So lautet einer der Vorschläge in dem schon erwähnten Buch (siehe letzter Post). Mal abgesehen davon, dass nicht jede Art von Kunst so hopp hopp entsteht – wer sieht denn das Bild in dem mehr als überfüllten Internetkunstmarkt? Man muss sich nur mal bei der Saatchi Online-Galerie einklicken. Täglich hunderte von Bildern, davon eines schlechter als das andere – von einigen sehr guten Ausnahmen abgesehen. Und von all diesen Bildern wird vielleicht ein Prozent verkauft. Also je länger ich darüber nachdenke, desto mehr vertraue ich auf meine eigene Erfahrung:  vor allem der persönliche Kontakt führt zur erfolgreichen Kunstvermarktung.

Anhänger der Kunst

Also das ist jetzt wirklich ganz wörtlich gemeint: Ein Anhänger mit Fenster, große Schrift darauf „Anhänger der Kunst“. Von einer Zugmaschine wird er von Ort zu Ort gezogen. So gesehen in Berlin und so veröffentlicht in dem Buch „Smart Art Marketing“. Ja, ja, ja – ich gebe es ja zu, gelegentlich setze ich meine Hoffnungen auf Anregung auch auf eine der vielen Buchveröffentlichungen. In diesem Buch sind eine Reihe von mehr oder weniger originellen Marketingideen versammelt, z.B. der Kunstautomat, der Kunstsupermarkt, die Kunstwundertüte. Ideen gibt es viele. Auffallend bei den meisten Beispielen: Es scheint vor allem mit sehr kleinen Formaten zu funktionieren. (V. Gashi u.a., Smart Art Marketing, Bad Honnef, 2013) Außerdem finde ich auch hier keinen Beleg dafür, dass es ernsthaft funktioniert.

Kunst und Vermarktung

Im Letzten Post habe ich kurz über die seltene Kombination von Künstler und Geschäftstüchtigkeit räsonniert. Im Bewusstsein, dass letztere fehlt, rufen dann einige (auch bei Xing) auf „Wer vermarktet meine Kunst“? Aber wer soll sich denn davon angesprochen fühlen? Eigentlich zeigt ein solcher Aufruf nur die Hilflosigkeit und die Fehleinschätzung der Situation im Kunstgeschäft. Das verborgene Talent, das irgendwann doch noch von einem Galeristen oder Mäzen entdeckt wird gehört eher in den Bereich der Legende. Um gesehen zu werden, muss man sich sichtbar machen. Und dazu gibt es die unterschiedlichsten Strategien.

Sich sichtbar machen

Um gesehen zu werden, muss man sich sichtbar machen. Zu diesem Satz gibt es eine Reihe von Buchveröffentlichungen „Kunstmarketing“ oder etwas blumiger „Vom Tellerwäscher zum Malerfürsten“. Bisher konnte ich nur feststellen, dass diese Bücher sich ganz gut verkaufen, also die Autoren mit einem gewissen finanziellen Gewinn versorgen. Von Künstlern, die davon wirklich profitiert hätten, habe ich bisher noch nix gehört. Aber vielleicht kann mich ja jemand von Gegenteil überzeugen.

Ein Hund mit Weihnachtskugeln

Das arme Tier denke ich sofort beim Anblick eines Hundes, der mit einer Art Haube aus Weihnachtskugeln „geschmückt“ ist. Einladend finde ich das nicht und doch soll mit diesem Bild für die Ausstellung von Kristof Kintera im Museum Tinguely, Basel, geworben werden. Ist das Kunst? Die Kuratoren und Kunsthistoriker, die die Schau begleiten meinen wohl ja, sonst hätten sie den Künstler nicht eingeladen. Mir kommt es eher so vor, wie ein verzweifeltes Ringen darum, in dem unübersichtlichen Kunstmarkt auf jeden Fall wahr genommen zu werden. Ein Hund mit Weihnachtskugeln ist ein Hingucker – nur was will der Künstler mir damit sagen? Eine Kritik am sinnlosen Konsum wäre denkbar. Aber brauche ich die? Sagt mir das was Neues? Ändert das was? Auf alle drei Fragen eine Antwort: Nein.

Das Spirituelle in der Kunst

„Etliche Künstler sind mir heutzutage zu clever… Zu vieles, was sie machen, scheint mir mit dem Blick auf den Kunstmarkt konzipiert und kurzfristig angelegt.“ Diesen Satz von Wieland Schmidt (Kunstzeitung 180) habe ich schon mal zitiert. Deshalb ist er nicht weniger wahr. In seinem Artikel vermisst er außerdem das Spirituelle in der Kunst, seit dem Joseph Beuys gestorben ist. Ich könnte ihn da zum Beispiel auf Anselm Kiefer verweisen, aber das wäre kein ausreichender Beweis für das Gegenteil.

Wie recht er hat zeigt sich schon daran, dass in einem Leitfaden zur Bewerbung bei Kunstpreisen ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass man auf keinen Fall irgend etwas zu Spiritualität, Transzendenz und ähnlichen Themen schreiben soll. Das würde die Jury nur abschrecken. Insofern ist es kein Wunder, das Arbeiten wie „Hund mit Weihnachtskugeln“ (siehe nächster Post) heute Furore machen.

Ergreifen und berühren

„Große Kunst, so dachte sie, hat einen beruhigenden Effekt auf den Betrachter; sie ergreift einen mit einer gewissen Ehrfurcht. Und genau das passiert weder bei den Arbeiten von Damien Hirst noch bei Andy Warhol. Man wird nicht von Ehrfurcht ergriffen, nicht berührt. Sie irritieren, verhindern vielleicht kurz, dass man in den eingefahrenen Gleisen weitergeht. Aber das ist ganz und gar nicht dasselbe. Ergriffen und berührt zu werden, ist etwas ganz anderes.“ (Frei übersetzt nach A. McCall Smith, The Sunday Philosophy Club, London, 2004)

Auch wenn ich die Einschätzung von Alexander McCall Smith nicht hundertprozentig teile, so finde ich doch, dass er im Prinzip recht hat. Was kann uns denn heute noch ergreifen – außer Kunst? Musik, Literatur, Bildende Kunst, Tanz… können uns Erfahrungen vermitteln, die wir im Alltag vermissen.

 

Noch mal alles mit Zucker

Zucker als Material in der Kunst – nach meiner Wahrnehmung etwas Neues. In mehreren Performances widmet sich die Schweizer Künstlerin Claudia Bucher der süßen Last. Sie lässt Zucker aus Gazetüchern oder aus Säcken rieseln, rinnen, fließen, quillen. „Hier offenbart sich bereits in der Wahl der Begriffe zur Beschreibung der simplen Abläufe …eine poetische Kraft von satter Lebendigkeit.“ (Helge Meyer in: Claudia Bucher, Vom Rieseln und Rinnen, Luzern, 2007) Ihre Performances heißen „Ladung“, „Süßer Regen“, „Zuckertaschen“.

Claudia Bucher setzt sich dem süßen Regen aus, spielt damit, lässt sich von Zucker bedecken, scheint es zu genießen, um sich dann im Überdruss dagegen aufzulehnen. Sie demonstriert „Brüche und Kippmomente, in denen sich Schönheit zum Ekel neigt“ (s.o.). In meinen Augen eine hochinteressante Künstlerin.

Alles Zucker, aber überhaupt nicht süß

Kara Walker ist nicht gerade für ihre Zuckersüße bekannt. Bisher hat sie überwiegend mit Scherenschnitten gearbeitet – auf den ersten Blick berühren diese zutiefst nostalgisch, um dann zuzuschlagen, sobald man die Themen genauer erkennt: Ausbeutung, Unterdrückung, Versklavung der Schwarzen durch die Weißen in den USA, messerscharf auf den Punkt gebracht.

Wenn man darüber nachdenkt, ist die gigantische Zuckerskulptur „Marvellous Sugarbaby“, die sie in diesem Sommer in einer stillgelegten Zuckerfabrik in New York zeigte, nur konsequent, denn auch bei der Gewinnung von Zucker waren vor allem Sklaven beteiligt. Heute kommen Themen wie Unterdrückung, Diabetes, Industrialisierung, Abhängigkeit dazu.

Ein Kornfeld aus Metall

„In der Ausstellung für moderne Kunst waren sie durch ein zwölf Fuß hohes Kornfeld aus brüniertem Metall gewandert, das mit riesigen Schmetterlingen und Blumen aus Buntglas bestückt war. Bluey hatte es phantastisch gefunden, James war der Meinung, es sei dumm.

`Dummheit kann manchmal einfach hinreißend sein.´  `Nicht, wenn sie sich als ernsthafte Kunst tarnt.´  `Aber das tut dies nicht! Dies ist ein Spaß!´  `Dann ist es ein höchst prätentiöser Spaß.´ “ (Er und Sie im Gespräch aus: J.Trollope, Zwei Paare, Hamburg, 1994)

 

Noch eine Ausnahme

Auch Gabriele Münter hat ihren nachhaltigen Erfolg unter anderen ihrem Mann zu verdanken. Der war als Kunsthistoriker tätig und hat sie Zeit ihres gemeinsamen Lebens unterstützt. Ein zeitgenössisches Beispiel fällt mir auch noch ein. Neo Rauch stellt seit Neuestem gerne mit seiner Frau Rosa Loy gemeinsam aus. Noch ist sie wenig bekannt, aber die Qualität ihrer Bilder steht kein Deut hinter seinen Arbeiten zurück. Es ist zu hoffen, dass seine Unterstützung auch ihr zu der verdienten Anerkennung verhilft. Denn ohne geht im Kunstbetrieb gar nix. Vitamin B wird gerade da in kapitalen Lettern geschrieben.